Bevor wir uns an diesem wunderschönen Morgen auf den Weg machten, mussten wir natürlich noch die Duschen ausprobieren. Die Indianerin, die uns gestern in Empfang genommen hatte, hatte wissen wollen, wann wir duschen wollten, denn sie müsse vorher den Generator anlassen, damit wir auch warmes Wasser hätten. Tatsächlich, als wir uns an diesem Morgen dem Duschhäuschen näherten, schnurrte schon der Generator im Nebengebäude vor sich hin. Strom gibts hier eben nur aus dem Generator und bei den wenigen Touristen macht es wohl keinen Sinn, diesen immer laufen zu lassen. Gegen 9 Uhr befanden wir uns wieder auf der Waterfall Route (Mackenzie Highway). Heute soll unser Ziel Fort Simpson sein. Morgen wollen wir dann in den Nahanni Nationalpark. Aber es kam alles etwas anders als geplant - doch erst mal der Reihe nach.

Waterfall Route
Der Highway hat sein Bild nicht geändert. Die ungeteerte Strasse ist auch hier von zahlreichen Schlaglöcher übersät, aber trotzdem mit angepasster Geschwindigkeit gut zu befahren. Einziger nennenswerter Punkt auf der Fahrt Richtung Checkpoint ist nach 51 Kilometern (Km 375) die Abzweigung in die Community Jean Marie River. 27 Kilometer sind es bis ins Dorf mit 53 Einwohner. Nach 1 1/2 Stunden erreichten wir die Versorgungstation Checkpoint. Ein einsamer Posten an der Waterfall Route. Tankstelle, ein kleiner Shop, Restaurant mit Motel und eine Werkstatt mit Autowäsche, sonst nichts. Einzig die vielen Moskitos und die beisenden Fliegen stören die Ruhe. Hier zweigt auch der berüchtigte Liard Trail Richtung Süden ab. Den werden wir dann Morgen unter die Räder nehmen. Vorerst gehts aber weiter auf der Waterfall Route zur Liard River Fähre.
Panoramabild
Checkpoint

Liard Fähre
Panoramabild
Fährübergang am Liard River
Ab Checkpoint ist die Strecke nach Fort Simpson zu unserem Erstaunen geteert. Laut Milepost sollte das nicht der Fall sein aber unsere ist halt schon 2 Jahre alt und in dieser Zeit kann auch hier im hohen Norden viel passieren. Bei Km 456 erreichten wir dann die kostenlose Fähre über den Liard River. Die Fähre fährt von Mai bis Oktober von 8 Uhr bis 23.45 Uhr 7 Tage die Woche. Eigentlich hat sie einen Fahrplan, aber normalerweise fährt sie dann, wenn es Autos hat. Die Fähre ist nicht sehr gross. Sie kann 8 Autos oder 2 Lastwagen mitnehmen. Die Überfahrt dauert 6 Minuten. Im Winter wird eine Eisbrücke erstellt und in den Übergangsmonaten, in denen die Fähre nicht fahren kann, ist auch Fort Simpson nicht auf dem Landweg erreichbar. Scheinbar sind wir die einzigen, die an diesem Sonntagmittag nach Fort Simpson wollten. Die Fähre fuhr nur für uns alleine.

18 Kilometer später erreichten wir Fort Simpson. Die Waterfall Route (Mackenzie Highway) führt von hier aus noch bis ins 221 Kilometer entfernte Wrigley (200 Einwoher). Ab Wrigley geht es dann nur noch per Winterroad weiter. Unser erstes Ziel war natürlich das Visitor Center direkt am Dorfeingang. Fort Simpson ist ganz auf den Nahanni Nationalpark ausgerichtet, den wir morgen gerne anschauen wollen. Zwei nette Mädels informieren uns, dass Simpson Air von den 4 Plätzen noch 2 frei hätte für den Abendflug zu den Virginia Falls, die mit 90 Meter doppelt so hoch sind wie die Niagara Falls. Wir fuhren dann zu Simpson Air und anstatt bis morgen zu warten, buchten wir den noch heute abend abgehenden 5stündigen Ausflug für satte 321 Dollar pro Person. Bezahlt wird nicht vor der Reise sondern am Ende. Heisst das etwa, sollte man nicht mehr zurückkommen, hat man auch kein Geld ausgegeben? Seltsam. Jedenfalls habe ich sicherheitshalber die Koordinaten von Fort Simpson in mein GPS eingetragen. Man weiss ja nie. Irgendwie kam mir der Film "Auf Messer Schneide" mit mit Anthony Hopkins und Alex Baldwin in den Sinn.
Wir hatten noch ein paar Stunden Zeit bis zum Abflug, also suchten wir erst einmal auf dem Simpson Territorial Campground ein nettes Plätzchen für unseren Van Camper. Eigentlich wollte wir ja erst morgen in den Nahanni Nationalpark und heute Fort Simpson anschauen. Naja, man ist ja flexibel, jetzt läuf's halb anders herum.

Panoramabild
Zusammenfluss Liard und Mackenzie River

Der Nahanni Nationalpark ist am besten von Fort Simpson aus zu erreichen. Es führt keine Strasse in den Park. Der Nationalpark, der auch zum Weltnaturerbe UNESCO gehört, ist nur per Wasserflugzeug erreichbar. Der 1972 eröffnete Nationalpark ist nach dem gleichnamigen River benannt und hat eine Fläche von 4766 Km2. Der Park ist ein beliebtes Ziel für Kanuten. Von den Virginia Falls bis nach Fort Simpson zurück sind es ca. 14 Tage. Der Nahanni River ist jedoch nichts für Kanuanfänger.
Laut Simpson Air kostet jeder Flug von Fort Simpson hinaus in die Wildnis und wieder zurück 1284 Dollar. Dieser Preis wird durch die Anzahl Reisender geteilt, sprich je mehr mitfliegen, desto günstiger wird es.

Gegen 18 Uhr fuhren wir dann zu Simpson Air, bereits gespannt auf die zwei anderen Mitreisenden. Wir traffen sie beim Office: ein pensioniertes israelisches Ehepaar, das 9 Monate lang durch Kanada reiste mit einem Miet-Wohnmobil. Da standen sie also vor uns ... in Badelatschen. Richtig, die hatten doch tatsächlich Badelatschen an den Füssen. Wir sind etwas verwundert, werden wir doch in gut einer Stunde in die kanadische Wildnis hinausfliegen und nicht an einer Beachparty teilnehmen! Unser Pilot schaut die zwei auch ein bisschen verwundert an, macht aber keine Andeutungen. Beim Anblick unseres Piloten kam mir gleich der Film Top Gun in den Sinn. Junger Kerl, kurze Haare, dunkle Sonnenbrille, Fliegerjacke. Nur das Flugzeug passte irgendwie nicht. War mir auch lieber so.

Wasserflugplatz
Im Flugzeug
Fort Simpson
Unser Pilot lud uns alle in seinen Jeep und 2 Minuten später kamen wir am Wasserflugplatz am Mackenzie River an. Nach gut einer halben Stunde erschien dann das Flugzeug am Himmel. Unser Pilot erzählte uns, dass sein Kollege, der jetzt gerade zurückkam, einen Versorgungsflug gemacht hatte nach Trout Lake. Trout Lake, ja richtig, dieses Kaff ist ja nur im Winter auf dem Landweg erreichbar. Da solche Versorgungsflüge recht teuer sind (1284$), werden sie meistens vom ganzen Dorf gechartert. Versorgungsflüge sind demnach auch die Haupteinnahmequellen der Fluggesellschaften in Fort Simpson. Touristen sind da nur eine angenehme Nebenerscheinung.
Nachdem die Maschine aufgetankt und gecheckt war gings dann endlich los. Auf dem Linken Bild eine Luftaufnahme von Fort Simpson beim Abflug

Der erste Eindruck ist überwältigend. Bis jetzt hatte wir noch nie die Gelegenheit gehabt Kanadas Wildnis aus dem Flugzeug zu bewundern. Jetzt zeigte sich die Landschaft von seiner besten Seite. Grün und Blau soweit das Auge reicht. Ein gute halbe Stunde fliegen wir über eine endlose Ebene. Auf der linken Seite immer der Liard River im Blickfeld. Ich halte immer Ausschau nach dem Liard Trail, der auch irgendwo in der Nähe des Liard Rivers verlaufen soll. Es ist aber nichts auszumachen. Nun, morgen werden wir dann auf dem Trail unterwegs sein. Schliesslich kommen wir zum Nahanni River; die Landschaft wird gebirgiger. Wir fliegen vorbei an schroffen Felswänden mit tiefen Canyons unter uns. Unser Pilot macht Top Gun alle Ehre. Er fliegt zum Teil sehr nah an den Felsen vorbei, um dann am höchsten Punkt nur ganz knapp über die Kuppe zu fliegen. Manchmal hat man das Gefühl man könnte die Grasbüschel direkt mit der Hand ausziehen, so nahe fliegt er daran vorbei.
Blick auf den Liard River
Die Nahanni Range
Der Nahanni River
Nahanni Range

Parkeingang am Nahanni River
Nach 1 1/2 Flugstunden überfliegen wir die Virginia Falls. Anschliessend gehts in rasantem Tempo hinunter, eine scharfe Linkskurve, die Nadelbäume streifen beinahe die Flügel und schon sehen wir den South Nahanni River vor uns. Sekunden später setzen wir auf dem Wasser auf. Mit einem Wasserflugzeug kann man natürlich nicht so Bremsen wie mit einem normalen Flugzeug, die Reibung mit den Wasser bremst das Flugzeug ab was erstaundlich gut funktioniert.
Festbinden am Dock
Die Virginia Falls

Grosses Wasserflugzeug
Kaum haben wir unser Flugzeug am Steg festgebunden, durchbricht ein weiteres Motorgeräusch die Stille. Ein für meine Begriffe sehr grosses Wasserflugzeug setzt auf. Wir schauen gespannt zu und sehen, dass die Maschine diverse Kanus mit sich führt. Es ist bereits nach 21 Uhr aber die Sonne steht noch immer am Himmel als wäre es erst Nachmittag. Wir machen uns auf den Weg zu den Virginia Falls. Gleich hinter dem Parkeingang sehen wir eine ganze Zeltstadt auf Holzplattformen. Alles Kanuten, die den Nahanni River befahren werden.

Vom Parkeingang bis zu den Virginia Falls sind es etwa 45 Minuten zu Fuss. Im Jahr 2005 wurde extra ein Brettersteg gebaut, um die Menschen trockenen Fusses an die Virginia Falls zu führen. Auf halben Weg donnerte wieder das grosse Wasserflugzeug über unseren Köpfen hinweg und durchbricht den einseitigen Lärmpegel des Rivers. Der South Nahanni River ist hier recht aufgewühlt und dementspechend laut.
Panoramabild
South Nahanni River
Flugzeug über den Falls

Virginia Falls
South Nahanni River

Nachdem der Brettersteg zu Ende war, gings dann über Stock und Stein hinunter zu den Falls. Hier wurde dann schnell klar, dass die Badelatschen unserer Begleiter nicht gerade das geeignete Fortbewegungsmittel für die Wildnis sind. Links die Virginia Falls, Recht die Sicht hinunter auf den South Nahanni River. Mit ohrenbetäubendem Lärm schiesst das Wasser die 90 Meter hinunter. Die Kanuten müssen die Falls natürlich umlaufen, was ein recht mühsames Unterfangen ist.


Für diesen Trip sollte man etwas zu essen und zu trinken mitnehmen. Es gibt nichts zu kaufen. Die Moskitos waren zu unserem Zeitpunkt an den Virginia Falls nicht sehr aggressiv aber Mückenschutz gehört trotzdem immer in den Rucksack. Gegen 23.30 Uhr machte wir uns wieder auf den Rückweg. Diesmal wollte unser Top Gun Pilot direkt über die Virginia Falls hinaus starten, was dann auch ohne Problem gelang. Glück gehabt....
Abendstimmung am Nahanni
Virginia Falls überflug

Ram Gebirge
Ram Gebirge
Die Rückreise führte über das Ram Gebirge. Wiederum schroffe Felswände, tiefe Canyons und wieder flogen wir nur wenige Meter über dem Boden. Unser Pilot stammt aus Quebec und hat einige Zeit in Paris und Genf gelebt. Seit diesem Sommer fliegt er für Simpson Air. Ob er im Winter auch hier bleiben wird, wisse er noch nicht. Für Ihn sein es immer ein Traum gewesen als Buschpilot mit einem Wasserflugzeug durch die kanadische Wildnis zu fliegen. Vorallem die Abenddämmerung sei wunderschön zum fliegen. Man könne da sehr nahe an die Felsen und an das Gelände heranfliegen da die Thermik nicht mehr so stark sei. Über die Mittagszeit ist das nicht möglich denn dann würden die heissen Felsen viel zu starke Thermik erzeugen und das Flugzeug richtig durchrütteln. Wie recht er doch hat.

30 Minuten später Landung auf dem Little Doctor Lake. Hier besitzt die Simpson Air eine Wildnis Lodge, die gemietet werden kann. Ein einsame Gegend, sieht man von den Moskitoschwärmen ab. Wir vertraten uns nur kurz die Beine und waren rund 10 Minuten später schon wieder in der Luft. Das rechte Panoramabild zeigt den Little Doctor Lake. Die Aufnahmezeit ist hier interessant, 00.02 Uhr Lodge
Panoramabild
Little Doctor Lake

Sonnenuntergang

Die Dämmerung nahm immer mehr zu und so konnten wir nicht mehr viel unter uns erkennen. Dafür bewunderten wir einen schönen Sonnenuntergang. Gegen 00.50 erreichten wie dank GPS wieder den Wasserflugplatz von Fort Simpson. Wenngleich nicht ganz billig, hat sich der Flug sicherlich gelohnt, vor allem, weil man die riesigen Dimensionen der Weite der Northwest Territories von oben viel besser begreifen kann. Gewiss waren die Falls auch sehr schön anzusehen, aber das eigentliche Highlight war doch der Weg dorthin. Einmal Quer durch's Nirgendwo.


Hier noch ein paar Daten zur Reise. GPS Koordinaten Simpson Air Office: N 61.51.896, W 121.21.788, Höhe 119m.ü.m. GPS Koordinaten Virgina Falls Nahanni Nationalpark: N 61.36.354, W 125.44.245, Höhe 573m.ü.m. Distanz von Fort Simpson zu den Virgina Falls per Luftweg: 233 Kilometer. Reisedauer ca. 5-6 Stunden. Preis für den Piperflug mit 4 Personen 321 Dollar/Person. Das Wasserflugzeug hat Platz für 5 Personen, was dann einen Preis von ca. 257 Dollar machen würde. Es gibt zwei Fluggesellschaften in Fort Simpson, die Flüge in den Nahanni Nationalpark anbieten: Simpson Air und Wolverineair.

Links:  
   
Simpson Air Mit dieser Fluggesellschaft waren wir unterwegs.
Wolverineair Weitere Fluggesellschaft in Fort Simpson
Der Nahanni Nationalpark Der Nationalpark mit den Virginia Falls
   

26. Juni 2005
Sonntag


165 Kilometer

Campingplatz:
Fort Simpson Terr. Park

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Einziger Campground, im Wald gelegen, direkt vor der kleinen Stadt am Fluss. Duschen OK. Ab 15 C$